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Die Praxis bleibt beim Arzt. Die Verwaltung muss es nicht.

vor 4 Stunden
4 Min. Lesezeit

Eine eigene Praxis bedeutet Medizin und Unternehmensführung zugleich. praxeasy übernimmt für Praxen die Büroarbeit im Hintergrund. Geschäftsführer Dr. Jens Nimis erklärt im Gespräch, wie das Modell funktioniert.


Wer sich als Ärztin oder Arzt niederlässt, übernimmt mit dem Praxisschild auch einen Verwaltungsbetrieb. Abrechnung, Terminvergabe, Telefonie, IT, Hygienenachweise und Personalfragen laufen ab dem ersten Tag mit. Nach Angaben von praxeasy entfällt rund ein Drittel der Arbeitszeit in Praxen auf solche Aufgaben. Diese Zeit fehlt am Patienten, beim Arzt ebenso wie bei den Medizinischen Fachangestellten. In einer Studienreihe der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf berichteten drei von vier MFA von dauerhaftem Arbeitsstress.

„Betriebswirtschaft, Datenschutz und IT kommen im Medizinstudium kaum vor“, sagt Jens Nimis. „Trotzdem erwarten wir von jedem Praxisinhaber, dass er all das nebenbei beherrscht.“ 


Zwischen Alleinkampf und Verkauf


Für Praxisinhaber gab es bisher im Wesentlichen zwei Wege. Entweder sie stemmen den Betrieb vollständig selbst, mit allen Risiken bei Personalausfall, Systemwechsel oder neuen Vorgaben. Oder sie verkaufen an eine Praxiskette und arbeiten danach als Angestellte. Wie stark der zweite Weg inzwischen gefragt ist, zeigte ein Bericht der Süddeutschen Zeitung. Ein Praxisvermittler hatte 35 Übergaben begleitet, 34 davon gingen an Investorenketten. Die abgebenden Ärzte hätten lieber an Kolleginnen oder Kollegen übergeben. Es fand sich nur niemand.


Nimis sieht darin ein Risiko für die ambulante Versorgung. „Die Zahl der Niederlassungen geht deutlich zurück. Wenn die eigene Praxis vor allem nach Verwaltung aussieht, entscheiden sich junge Ärztinnen und Ärzte für die Anstellung. Für jeden Einzelnen ist das nachvollziehbar. Für die Versorgung wird es zum Problem.“


Ein Back-Office im eigenen System


praxeasy geht einen anderen Weg, den das Unternehmen Praxis as a Service nennt. Nimis fasst ihn in einem Satz zusammen. „Wir nehmen Arztpraxen alles ab, was nicht mit Medizin zu tun hat.“ Ein spezialisiertes Team arbeitet direkt in dem Praxisverwaltungssystem, das die Praxis ohnehin nutzt. „Kein extra System, keine extra Oberfläche“, sagt Nimis.


Am deutlichsten spürt die Praxis die Entlastung in der Kommunikation mit Patienten vor dem Termin. Ein KI-gestützter Assistent nimmt Anrufe an und bucht Termine direkt in den Praxiskalender. Kommt er nicht weiter, übernimmt ein Team aus Medizinischen Fachangestellten, das die Abläufe der jeweiligen Praxis kennt. „Dann gehen bei uns echte Menschen ran.“ Über die Website der Praxis können Patienten außerdem rund um die Uhr Termine buchen und absagen, Rezepte und Krankschreibungen anfragen oder Befunde geschützt hochladen.


Der zweite große Hebel ist die Abrechnung. Die Regeln ändern sich von Quartal zu Quartal und unterscheiden sich zwischen den Kassenärztlichen Vereinigungen. Im Alltag fehlt oft die Zeit, das nachzuhalten. „Falsch abgerechnet wird dabei selten“, sagt Nimis. „Es bleibt aber Abrechnungspotenzial liegen.“


Dazu kommen First-Level-Support für die Praxis-IT und Unterstützung beim Qualitäts- und Hygienemanagement. Die gesetzlichen Pflichten bleiben dabei bei der Praxis. Insgesamt hat praxeasy 13 operative Kernprozesse identifiziert, die in nahezu jeder Praxis anfallen. Welche davon sie abgibt, entscheidet die Praxis selbst. Abgerechnet wird modular pro Ärztin oder Arzt.


Wie viel Zeit das spart, sieht die Praxis in einem eigenen Dashboard. Nach Angaben von Nimis lässt sich in kleinen Praxen so fast eine volle MFA-Stelle entlasten. Diese Fachkraft steht dann wieder für Patienten und Ärzte zur Verfügung. „Die MFA ist ja nicht angetreten in diesem Beruf, um zu telefonieren.“


Wichtig ist Nimis die Abgrenzung zu Praxisketten. praxeasy kauft keine Praxen. Die Ärztin oder der Arzt bleibt Inhaber. „Er ist der Entscheidungsträger, wir nehmen ihm keine Entscheidung ab.“ praxeasy bespricht die Schritte vorab mit der Praxis und setzt sie danach um. Jede Praxis hat dafür einen persönlichen Ansprechpartner, der während der Sprechzeiten mobil erreichbar ist.


Prozesse statt weiterer Tools


Auf Bürokratie hat die Branche bisher meist mit neuer Software reagiert. Ein Programm für Termine, eines für die Telefonie, eines für die Abrechnung. Viele davon sind gut, aber kaum miteinander verbunden. Es gibt Systembrüche und unterschiedliche Lizenzmodelle. Fällt etwas aus, ist oft unklar, wer zuständig ist. „Jedes Tool für sich mag gut sein“, sagt Nimis. „Zusammenhalten muss das Ganze am Ende trotzdem das Praxisteam.“ Er versteht praxeasy als Kümmerer. Die Praxis arbeitet in einem System und hat einen Dienstleister. Technisch arbeitet das Unternehmen derzeit mit den Praxisverwaltungssystemen tomedo und Medical Office.


praxeasy wurde im Juli 2025 innerhalb der MLP Gruppe gegründet. Die Idee entstand in Gesprächen zwischen MLP-Beratern und Ärzten. Viele sagten, die Beratung sei gut, für die Umsetzung fehlten ihnen aber Zeit und Know-how. praxeasy selbst bietet keine Finanzdienstleistungen, Versicherungen oder Finanzierungen an. Beide Leistungen laufen über getrennte Verträge. Auf Wunsch stellt praxeasy den Kontakt zu Fachberatern der Gruppe her, verpflichtend ist das nicht.


Aus der Notfallrettung in die Praxisverwaltung


Jens Nimis war von 2001 bis 2011 in der Notfallrettung aktiv. In dieser Zeit hat er den Aufbau einer gemeinsamen Rettungsdienstgesellschaft mehrerer Anbieter mitgestaltet. Er promovierte am Institut für Medizinrecht der Universität Düsseldorf über die Abrechnung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden in der gesetzlichen Krankenversicherung. Rund sieben Jahre arbeitete er als Anwalt bei der Techniker Krankenkasse. Danach baute er digitale Geschäftsmodelle auf, unter anderem bei Swiss Life und HSE. Das Gesundheitswesen kennt er damit aus Sicht der Versorgung ebenso wie aus Sicht der Kostenträger. „Im Rettungsdienst funktioniert ein Einsatz nur, wenn die Abläufe sitzen und jeder seine Rolle kennt. In vielen Praxen fehlt genau diese Arbeitsteilung, weil alle alles gleichzeitig machen.“ 


Sein Ziel formuliert er nüchtern. „Wir wollen über die nächsten Jahre für unsere Zielgruppe zum festen Rückgrat werden.“ Am Ende misst er den Erfolg daran, ob die eigene Praxis für junge Ärztinnen und Ärzte wieder eine attraktive Option ist.






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