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KI und der Arztbrief: Was die Forschung zeigt – und was daraus folgt

Von Kjell Ohm & Wolf Storde, Gründer von Befundly


Irgendwann im Medizinstudium sitzt man zum ersten Mal mit einem Patienten und dessen Befund am Tisch. Man erklärt, was „Signalanhebungen“ bedeuten, warum „kein Nachweis einer Raumforderung“ eigentlich eine gute Nachricht ist. Der Patient nickt und fragt dann: „Warum steht das nirgendwo so drauf?“ Gute Frage. Eine, auf die wir bis heute keine befriedigende Antwort haben.


Arztbriefe gehören zu den wichtigsten Dokumenten im Gesundheitswesen. Aber für die Menschen, um die es darin geht, sind sie häufig kaum zugänglich. Nicht weil Ärzte schlecht schreiben, sondern weil diese Texte schlicht nie für Patienten gemacht wurden. Sie sind Fachkommunikation, von Medizinern für Mediziner. Der Patient war in dieser Kommunikation lange nicht vorgesehen. Genau das beginnt sich zu verändern - und KI ist dabei ein zunehmend relevanter Faktor. Was die aktuelle Forschung dazu zeigt und was das für den Versorgungsalltag bedeutet, wollen wir hier kurz skizzieren.


Ein Systemfehler – kein individuelles Versagen


Wer seinen Befund nicht versteht, sucht sich die Information anderweitig. Das ist keine Schwäche, das ist Logik. Das Problem: Die verfügbaren Alternativen (Suchmaschinen, Gesundheitsportale, Foren) sind selten besser als das Original. Was bleibt, ist Unsicherheit, manchmal auch unnötige Angst.


Die Forschung ist in diesem Punkt klar: Wer medizinische Informationen einordnen kann, geht besser mit der eigenen Erkrankung um. Therapietreue steigt, Folgekonsultationen werden gezielter, Behandlungsverläufe verbessern sich. Gesundheitskompetenz - also die Fähigkeit, Befunde und Diagnosen zu verstehen und für sich nutzbar zu machen - ist kein weiches Qualitätsmerkmal. Sie ist klinisch relevant.


Was die Wissenschaft gerade herausfindet


Anfang 2026 hat The Lancet Digital Health eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse veröffentlicht, die genau diese Frage adressiert. Alabed et al. haben 38 Studien ausgewertet, in denen große Sprachmodelle (LLMs) eingesetzt wurden, um radiologische und klinische Befundberichte für Patienten aufzubereiten. Bewertet wurden die Ergebnisse sowohl von Laien als auch von Klinikern.


Die Kernbotschaft: KI-vereinfachte Berichte kommen bei Patienten deutlich besser an als die Originaldokumente und das ohne nennenswerte Einbußen bei der inhaltlichen Qualität. Kliniker vergaben im Schnitt 4,45 von 5 Punkten für Genauigkeit und 4,53 von 5 für Vollständigkeit. Die Rate klinisch bedeutsamer Fehler lag bei 0,9 % – nicht null, aber ein Wert, mit dem sich arbeiten lässt, wenn man ihn ernst nimmt.


Mehrsprachigkeit: die vergessene Dimension


In den meisten Debatten über KI-gestützte Befundkommunikation geht es um Fachsprache versus Alltagssprache. Das ist wichtig, aber es greift zu kurz. Denn die eigentliche Frage lautet manchmal: In welcher Sprache soll der Befund überhaupt erklärt werden?

In deutschen Großstädten haben teils mehr als 30 % der Patienten einen Migrationshintergrund. Türkisch, Arabisch, Russisch – das sind keine Randgruppen, das ist Versorgungsrealität. Ein Befund, der vom medizinischen Jargon in „einfaches Deutsch“ übertragen wurde, löst das Problem für diese Patientengruppen nur zum Teil. Wer Befundkommunikation inklusiv denken will, kommt an Mehrsprachigkeit nicht vorbei. In der aktuellen KI-Debatte wird das kaum diskutiert.


Was das für die Praxis bedeutet


Die Technologie funktioniert, das ist bewiesen. Was noch aussteht, ist der Übergang in den Alltag. Und der ist anspruchsvoller als er zunächst aussieht.


Ein Werkzeug, das in der Praxis oder Klinik wirklich eingesetzt wird, muss rechtssicher sein: DSGVO-konform, mit klaren Regeln für den Umgang mit Patientendaten, eingebettet in die europäische Regulatorik. Es muss auf Infrastruktur laufen, der Gesundheitseinrichtungen vertrauen können, also kein amerikanisches Cloud-Hosting für sensible Befunddaten. Und es muss sich für Ärzte wie eine Entlastung anfühlen, nicht wie eine zusätzliche Aufgabe. Wer das nicht ernst nimmt, baut ein Tool, das niemand benutzt.


Das sind keine IT-Probleme. Das sind Designprobleme, die nur lösbar sind, wenn man die medizinische Seite genauso gut versteht wie die technische.


Warum wir Befundly entwickelt haben


Wir kennen diesen blinden Fleck aus zwei Perspektiven. Im Klinikalltag als Medizinstudenten: Man sieht täglich, wie viel ein gutes Aufklärungsgespräch bewirken kann  und wie selten die Zeit dafür reicht. 


In der Produktentwicklung als Gründer: Man sieht, wie ausgreift die Technologie inzwischen ist und wie wenig davon im Versorgungsalltag ankommt.


Befundly übersetzt medizinische Befunde und Arztbriefe automatisiert in patientenverständliche Sprache – auf Deutsch, Türkisch, Arabisch und Englisch. Kein Ersatz für das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Aber das, was danach fehlt: eine zuverlässige, datenschutzkonforme Möglichkeit, den eigenen Befund wirklich zu verstehen.


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