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AU ab dem ersten Krankheitstag: Was das für die ambulante Versorgung wirklich bedeutet

Seit dem 2. Juli steht fest: Die schwarz-rote Koalition will die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend machen. Gleichzeitig soll die telefonische Krankschreibung abgeschafft werden. Die bisherige Regelung, AU erst ab dem vierten Tag, gilt dann nicht mehr. Die unrichtige Ausstellung einer AU soll zudem nach § 278 StGB stärker bestraft werden.


Die Reaktionen aus der Ärzteschaft sind eindeutig. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nannte die Maßnahmen eine „Zumutung, die an Unverschämtheit grenzt". Der Hausärzteverband sprach von einer „riesigen Bürokratiewelle, die kaum zu bewältigen sein wird". Die Bundesärztekammer bezeichnete die Strafandrohung gegen Ärzt*innen als „Affront" und Generalverdacht.


Mehr Patient*innen, gleiche Kapazität


Die Konsequenzen für die ambulante Versorgung sind absehbar. Wenn jede Erkältung, jede Magen-Darm-Infektion, jeder Migräneanfall ab Tag eins eine AU erfordert, steigt das Terminvolumen in Hausarztpraxen erheblich. Patient*innen mit leichten Symptomen, die bisher einen Tag zu Hause geblieben wären, müssen nun in die Praxis. Sie blockieren Termine, die für Menschen mit akutem Behandlungsbedarf fehlen.


Das trifft auf ein System, das bereits an der Kapazitätsgrenze arbeitet. Die Zahl der Niedergelassenen sinkt seit Jahren, allein im vergangenen Jahr um 1,5 Prozent. Gleichzeitig wächst der Versorgungsbedarf durch den demografischen Wandel. Die BÄK warnt zurecht: Es steht zu befürchten, dass am Ende die Versorgung der wirklich Kranken leidet.


Dokumentationslast potenziert sich


Was in der öffentlichen Debatte zu kurz kommt: Es geht nicht nur um mehr Termine. Jede AU erzeugt einen dokumentarischen Vorgang. Anamnese, Befunderhebung, Kodierung, eAU-Übermittlung an die Krankenkasse. Für eine einzelne unkomplizierte Erkältung klingt das überschaubar. Multipliziert mit Dutzenden zusätzlichen Fällen pro Tag, in der Erkältungs- und Grippesaison pro Woche, wird es zu einer ernsthaften Belastung für Ärzt*innen und Praxisteams.


Laut Marburger Bund (MB-Monitor 2024) verbringen Klinikärzt*innen bereits heute durchschnittlich drei Stunden pro Tag mit Dokumentation. Im niedergelassenen Bereich ist die Lage nicht besser. Jede zusätzliche formale Anforderung verschiebt das Verhältnis weiter: weniger Zeit für Medizin, mehr Zeit für Verwaltung.


Die eigentliche Frage


Ob die AU-Pflicht ab Tag eins den Krankenstand tatsächlich senkt, ist zweifelhaft. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat in einer Analyse gezeigt, dass nicht die telefonische Krankschreibung für den Anstieg der Fehlzeiten verantwortlich ist, sondern die Nachwirkungen der Pandemie und die Einführung der elektronischen AU, die zu einer höheren Erfassungsrate führte. Telefonische AUs machten laut Zi lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankschreibungen aus. Die DAK kam zu einem ähnlichen Ergebnis und fand keinen „systematischen Missbrauch" bei der Telefon-AU.


Die politische Maßnahme adressiert also ein Problem, das in dieser Form möglicherweise gar nicht existiert, und erzeugt dabei reale Belastungen für ein System, das bereits überlastet ist.


Was jetzt zählt


Wenn die Dokumentationslast in Praxen steigt, und danach sieht es aus, wird die Frage nach digitaler Entlastung drängender. Nicht als theoretisches Versprechen, sondern als konkretes Werkzeug im Praxisalltag. KI-gestützte Dokumentation, die Gesprächsinhalte in Echtzeit erfasst und strukturiert aufbereitet, kann genau die Minuten zurückgeben, die durch zusätzliche formale Anforderungen gebunden werden.


Keine Technologie löst ein politisches Problem. Aber wenn Politik die Rahmenbedingungen verschärft, brauchen Praxen Werkzeuge, die den Alltag trotzdem tragbar halten. Genau dafür ist digitale Dokumentation gemacht.


Ein Gastbeitrag von Gil Osammor.


Gil Osammor ist Co-Founder und CEO von MediSync GmbH, einer KI-Plattform für medizinische Dokumentation, die Arzt-Patienten-Gespräche in Echtzeit transkribiert und strukturierte Arztbriefe in über 25 Sprachen generiert.

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